No shortcuts: Taliso Engel schwimmt seine eigene Spur
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No shortcuts: Taliso Engel schwimmt seine eigene Spur

veröffentlicht von Fynn Beckmann in Portraits am 22.01.2026

Für ihn gibt es keine Gegenströmung, gegen die er nicht ankommt. Mit zwei Paralympics-Goldmedaillen und mehreren Weltmeistertiteln gehört Taliso Engel längst zur internationalen Elite im Para-Schwimmen. Doch was ihn auszeichnet, lässt sich nicht allein in Zeiten und Medaillen messen. Im Gespräch wirkt Taliso präsent, fokussiert, bei sich. Er lacht viel, wirkt gelöst – seine Zuversicht ist ansteckend. Wie schafft es ein Athlet auf diesem Niveau, den Spaß nicht zu verlieren, Erwartungen auszuhalten und trotz Erfolgen abends ruhig einzuschlafen?

Kindheitsverbindung Wasser: Element der Ruhe

Wenn er im Wasser seine Bahnen zieht, vergisst Taliso alles um sich herum, lässt den trubeligen Alltag hinter sich und schaltet ab, während sein Körper intuitiv seine Bewegungen immer wieder ausführt. Schon früh war das Wasser ein Ort, an dem er zur Ruhe kam – ein Raum, der sich leicht und frei anfühlte.

„Es ist ein ganz anderes Element. Im Wasser kann ich mich treiben lassen und zur Ruhe kommen. 

Schon als Kind war ich im Urlaub immer der Erste im Pool oder im Meer, man hat mich kaum wieder rausbekommen (lacht).“ 

Aus dieser Ruhe entsteht Leistung. Dass Taliso auch in atemberaubender Zeit am Beckenrand abschlagen kann, beweist den Antrieb, den er im Wasser entwickelt. Seit Jahren dominiert der 23-Jährige das Para-Schwimmen, spätestens mit seinem ersten Paralympics-Gold in Tokio 2021 machte er international auf sich aufmerksam. 2024 in Paris verteidigte er diesen Titel eindrucksvoll. Über 100 Meter Brust ist Taliso Engel heute der Maßstab in seiner Startklasse.

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Herausforderungen & Rückschläge

Taliso kommt mit einer angeborenen Sehschwäche auf die Welt. Er startet in der internationalen Startklasse SB13 – der höchsten Klasse für sehbeeinträchtigte Schwimmer. Lange Zeit ist diese Einschränkung für ihn kein bestimmendes Thema. Er wächst damit auf, ohne sich darüber viele Gedanken zu machen.

„Ich habe Wasser einfach cool gefunden. Ich habe mir über das ganze Thema Beeinträchtigung als Kind wenig Gedanken gemacht. Das war nie wirklich präsent. Meine Eltern haben immer gesagt: Er soll alles ganz normal machen, mich nie in Watte gepackt. 

Die Beeinträchtigung war deshalb sehr lange kein Thema für mich – ich habe sie gar nicht so wahrgenommen.“

Erst mit dem Schulalltag verändert sich dieser Blick.

Taliso: „Das war so 2010/2011, mit acht oder neun Jahren. In der Schule wurde das Thema präsenter – wie gehe ich damit um, wie komme ich zurecht? Bis ich in die Schule kam, dachte ich: Wo ist das Problem? Klar, dann ging es darum, Sachen auf der Tafel zu erkennen und lesen zu können. Da habe ich dann das erste Mal die Beeinträchtigung gemerkt, die andere Kinder nicht hatten.“

Ein echter Einschnitt folgt Jahre später – zu einem Zeitpunkt, an dem Taliso sportlich bereits zur Weltspitze gehört. Taliso erinnert sich an die schwierige Zeit: „2023 habe ich mein Gehör verloren. Das war ein Jahr, in dem ich dachte: 

Was passiert gerade? Ich habe mit mir und dem Gedanken gekämpft: Wie soll ich Leistung bringen? Das war heavy.“

In einer Phase, in der Vieles neu sortiert werden muss, schafft er es durch seinen Mut und seine positive Grundeinstellung, Vertrauen in sein Umfeld bestehen zu lassen. Er versteckt sich nicht. Im Gegenteil: Taliso schwimmt danach wieder, als sei nichts gewesen. „In diesem Jahr habe ich viel über mich gelernt und konnte mich dadurch weiterentwickeln – als Mensch und als Sportler. Obwohl es mir schlecht ging, bin ich nicht zu Hause geblieben, habe weitergemacht. Rückblickend weiß ich: Am Ende musst du es selber aus dir wollen, immer weiterzumachen und dich anzutreiben!“

Für Taliso ist Erholung kein Ausgleich, sondern Voraussetzung, um konstant Leistung abrufen zu können. Immer griffbereit im Rucksack und feste Bestandteile seines Trainingsalltags:

Für erholsamen Schlaf begleitet ihn sein RECOVERY PILLOW. Ein besonderer Gamechanger sind für ihn die RECOVERY BLANKETS: Sie regulieren die Temperatur so, dass es ihm weder zu warm noch zu kalt wird – egal, wo er schläft.

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Die doppelte Karriere

Taliso bewegt sich bewusst zwischen zwei Welten: dem Para-Leistungssport und dem olympischen Schwimmen – ein Weg, den nur wenige Athleten konsequent gehen. Für ihn ist klar: Leistung kennt keine Schubladen.

Der Einstieg in den Parasport entsteht früh – und eher beiläufig.

„Das war damals in Nürnberg in der Schwimmhalle. Der Betreuer von Elena Semechin, selbst erfolgreiche Para-Schwimmerin, sprach meine Mum an und meinte, dass ich Potenzial habe und sie uns mal zu den Deutschen Meisterschaften im Paraschwimmen mitnehmen könnten. Da haben wir zugesagt, und so entstand der Kontakt zum Parasport. Elena war lange mein Vorbild – sie hat 2012 in London Silber gewonnen.“

Für Taliso war früh klar, dass er sich nicht auf eine Richtung festlegen will. Der Parasport ist ein Teil seines Weges – aber nicht der einzige. 

„Ich habe nie gesagt: Mein Fokus liegt nur auf dem Parasport. 

Ich schwimme bis heute auch parallel in der 1. Bundesliga – das ist ein rein olympischer Wettkampf. Hier gibt es für mich deutlich mehr Konkurrenz, viele, die schneller sind. Das möchte ich beibehalten: bei Deutschen Meisterschaften mitschwimmen, Trainingsgruppen mit Nicht-Behinderten haben. Das ist ein weiterer Antrieb für mich.“

Für Taliso bedeutet das nicht, sich zwischen zwei Systemen zu entscheiden, sondern sich immer wieder der größeren Herausforderung zu stellen. Wettbewerb, Vergleich und Leistungsdruck sind für ihn kein Hindernis – sondern Antrieb.

Entwicklung & Durchbruch

In seiner Nürnberger Mannschaft ist Taliso lange der, der „mitgeschwommen“ ist. Er beschreibt sich in dieser Zeit als jemanden, der zu den Spätentwicklern gehört, lange weder besonders groß noch besonders muskulös war. Sein Ehrgeiz und Fleiß sind aber ausgereift. 2016, mit gerade einmal 13 Jahren, steht Taliso für die Nationalmannschaft am Startblock bei seiner ersten Para-Europameisterschaft.

Als einer der jüngsten Athleten im Team sammelt Taliso früh internationale Erfahrung – oft umgeben von deutlich älteren Konkurrenten. Schon in jungen Jahren lernt er, mit Erwartung, Vergleich und Leistungsdruck umzugehen.

Taliso erinnert sich: „In der Nationalmannschaft waren viele 19 oder 20, ich war der 13-Jährige – gefühlt das Kind von allen“, erinnert er sich. Ein Jahr später soll seine erste Weltmeisterschaft folgen. Doch kurz vor dem Wettkampf zerstört ein Erdbeben in Mexiko die Schwimmhalle. Die WM wird abgesagt, das Trainingslager endet abrupt.

Der nächste Anlauf folgt über die Europameisterschaft. Über 100 Meter Brust gewinnt Taliso seine erste internationale Medaille. 2019 kommt schließlich die erste „richtige“ Weltmeisterschaft – und mit ihr ein Moment, den kaum jemand erwartet hätte: 

Taliso wird Weltmeister. Ein Wendepunkt in seiner jungen Karriere. 

Ab diesem Zeitpunkt nimmt er eine rasante Entwicklung – hin zum dominierenden Brustschwimmer auf internationaler Ebene.

Neue Wege

Nach Jahren im Becken, Titeln und klaren Routinen entscheidet sich Taliso bewusst dafür, einen Schritt aus seiner Komfortzone zu machen. Mit der Teilnahme an der Fernsehshow „Let’s Dance“ betritt er im vergangenen Jahr Neuland – sportlich riskant, persönlich bereichernd.

Abseits des Wassers zeigt er sich einem Millionenpublikum von einer anderen Seite. Ohne Trainingsplan, ohne gewohnte Abläufe, ohne die Sicherheit, jederzeit auf seine sportliche Routine zurückgreifen zu können. „13 Wochen bei Let’s Dance waren intensiv und sehr cool, viele neue Eindrücke in einer mir unbekannten Welt! Klar, in dieser Zeit konnte ich gar nicht trainieren“, erzählt Taliso. „Danach musste ich wieder einsteigen und darauf vertrauen, dass ich im September wieder Leistung bringen kann. Von Anfang Juni bis Mitte/Ende September – das ist nicht viel Zeit, um wieder auf ein krasses Leistungsniveau zu kommen. Das hat mich aber auch irgendwie gereizt.“

Fokus & Fleiß

Taliso nimmt das Training wieder auf. Täglich schuftet er, um seinen Körper wieder auf das Wasser zu optimieren – statt auf die Tanzfläche im Rampenlicht.

Talisos Woche ist vollgeplant. Nur der Sonntag ist trainingsfrei. An den meisten Tagen stehen zwei Einheiten auf dem Plan: morgens im Wasser, abends Krafttraining. Auch Athletik- und Mobility-Sessions gehören dazu.

Jetzt wird es wieder ernst bei den Wettkämpfen. Taliso ist bereit. Die Millisekunden auf dem Startblock, in denen alles schlagartig ruhig ist und der Herzschlag bis in den Kopf pulsiert. Das Warten auf den erlösenden Startton. Dann schießt der Puls durch die schnellen Bewegungen in die Höhe, und Taliso fliegt durch das Schwimmbecken. Er schaut nicht nach links und nach rechts. Er bleibt auf seiner eigenen Spur.

Wie schafft er es, die Grundanspannung vor dem Start in Energie umzuwandeln und den Druck nicht gewinnen zu lassen? Wie behält er seine Nerven im Griff?

„Ganz klar mit Musik. Sie kann pushen oder runterbringen. Ohne Musik wäre ich ein ganz anderer Athlet“, ist sich Taliso sicher.

Für ihn steht fest: Im Ausgleich liegt die Kraft, fokussiert zu bleiben. „Als Sportler auch mal etwas anderes tun, bei allem Fokus auch mal loslassen, um den Spaß nicht zu verlieren. Rausgehen, am normalen Leben teilhaben. Wenn man nur im Grind steckt, stagniert man.“ Auch zu akzeptieren, dass nicht alles gelingt, ist für ihn wichtig. „Wir alle scheitern – daraus lernt man.“


What’s next?

Der Blick geht nach vorn. 2026 steht wieder im Zeichen des Wettkampfs. Taliso hat Einiges vor: „Geplant sind die Deutschen Meisterschaften im olympischen Bereich und eine Para-Europameisterschaft. Ich will wieder angreifen!“

Nach einem Jahr voller neuer Erfahrungen, Wege und Herausforderungen fühlt sich Taliso bereit, auf seiner eigenen Spur.